Das Klientelsystem der Mafia ist ja im Grunde genommen eigentlich das natürliche System einer Gesellschaft, in dem die Partikularinteres­sen das Prinzip Solidargemeinschaft übertrumpfen. Die Institution Staat mit einer demokratischen Verfassung hingegen ist der einzige Garant dafür, sozialen Ausgleich und Rechtssicherheit für jedes Indi­viduum unabhängig von dessen Zugehörigkeit zu einer bestimmten Gruppe zu sichern. Je mehr dieser demokratisch legitimierte Staat mit seinen Schutzfunktionen von mächtigen Partikularinteressen zurück­ gedrängt wird und staatliche Institutionen privatisiert und/oder durch finanzielle und personelle Ressourcenverknappung eingeschränkt werden, umso geringer ist die Schutzfunktion für das Individuum. Da­durch bietet der Staat eine offene Flanke für die Infiltration durch die Mafia oder jene politischen Systeme (faschistische wie autoritäre), die denen der Mafia sehr ähnlich sind. In dem Moment, in dem das Ver­trauen der Bürger in staatliche Institutionen zusammenbricht, hört die zivile Bürgergesellschaft auf zu leben. Was bleibt, sind Kampfgemein­schaften um die Ressourcenverteilung – wie bei der Mafia.

Jürgen Roth, Mafialand Deutschland